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erinnern - gestalten - bewahren

Kurzgeschichten

von Rita Brandenburger-Schift


Pepe schenkt


Ich strolchte als Kind gern auf dem Marktplatz der Altstadt. An einem sonnigen klaren Morgen fand ich Pepe. Er stand an der Pappel bei Wilhelms Wurststand. Aus einem Rupfensack, der mir bis zur Nasenspitze reichte, fischte er farbenfroh umhüllteGeschenke und verteilte diese an vorbeiziehende Menschen. Besonders war, er verschenkte alles.

„Guten Tag junge Dame, darf ich ihnen eine Freude machen?“, sprach er eine Frau im

Minirock an.

„Willst mich anmachen Alter, lass mich in Ruhe!“, fauchte sie zurück und stöckelte eilig davon. Eine weißhaarige kleine Person schüttelte nur den Kopf, lächelte „Nein danke“ und verschwand. Dann blieb ein großer Mann mit Brille stehen, er ähnelte meinem Lehrer, und wollte wissen:

„Ja gut, und was muss ich dafür bezahlen?“

„Nichts, ich möchte ihnen nur ein Geschenk machen.“

„Wie, das ist nicht zu glauben. Gehören sie vielleicht einer besonderen Glaubensgemeinschaft an. Oder soll ich jetzt in einen Verein treten oder was?“

Pepe schüttelte den Kopf: „Öffnen sie doch.“

Der Lehrermann nestelte am Glanzpapier, streifte das gelbe Band ab und hob ein Porzellanpferd aus der Verpackung.

„Aber das muss ich doch jetzt bezahlen?“

„Nein, es ist ein Geschenk.“

Der andere wackelte immer wieder mit dem Kopf, es war unglaublich. Inzwischen kritzelte Pepe etwas auf eine Postkarte. Kurz darauf hielt Pepe dem Mann das bemalte Teil vor die Nase:

„Ich bitte sie nur, ihre ersten Gedanken aufzuschreiben, die möchte ich behalten, das ist mein Preis für das Geschenk, wenn sie so wollen.“

Wieder zuckte der Lehrermannkopf, blickte Pepe noch kurz ins Gesicht, griff aber dann nach dem angebotenen Stift und schrieb etwas auf die bemalte Postkarte. Pepe strahlte, nahm die Karte an sich und dankte fröhlich, bevor der Lehrermann weiter ging. Ähnlich lief es bei der Frau mit Kinderwagen, dem Alten mit Hut und Stock und zwei großen Mädchen, die ständig kicherten, während sie die Postkarte bekritzelten. Aber die meisten Leute wollten die Geschenke nicht oder brabbelten nur etwas unverständlich, in griesgrämigem Ton. Bald überlegte ich schon im Voraus, wie der nächste wohl reagieren würde, annehmen oder nicht, herumzetern oder lachen.

Plötzlich hielt Pepe MIR ein leuchtrotes rundes Teil vor die Nase, mit grüner Schleife verziert:

„Bitte sehr junge Lady, für dich.“

Dabei machte er eine besonders tiefe Verbeugung und zwinkerte mir mit dem rechten Auge zu. Mein Herz klopfte, als wäre das nicht erlaubt und ich wollte es erst ablehnen, meine Beinchen wollten davonrennen. Aber ich blieb und die Neugierde überwog, ich nahm die Gabe an. Nun wartete ich auf seine Postkarte, doch nichts geschah, kein Papierbogen, kein Schreiber, kein malender Pepe. Er schmunzelte nur freundlich.

„Deine Karte fehlt und der Stift!“

„Das hast du gut beobachtet. Aber bei dir brauch ich das nicht, du bist ein Kind.“

„Wie, denkst du ich könnte nicht schreiben? Das stimmt nicht, das kann ich schon, ganz viel sogar!“

„Oh ja, entschuldige.“

Schnell zupfte er den üblichen Zettel mitsamt dem Stift aus seinem Mantel und zeichnete, während seine Glanzaugen hin und her, von mir zu seiner Arbeit hüpften.

„Jetzt solltest du aber schnell auspacken.“

„Ach ja, was ist da drin?“

„Schau nach.“

Kurz drauf hielt ich eine Schneekugel in den Händen mit wunder hübschem Innenleben: Ein weißer Berg mit einem silbernen Schloss auf dem Gipfel umringt von glitzernden Gestalten. Ich schüttelte das herzige Ding, die Landschaft wurde von seidigen Flöckchen umweht, es war wunderschön.

„Danke!“

Ich hatte den Zettel vergessen und die ganzen Leute und wollte nicht wissen, warum er mir dieses herrliche Gebilde gab, ich freute mich einfach. Bis Bruno kam.

Bruno trug Uniform und verscheuchte die Gammler und Musikanten, wenn sie keine passenden Papiere zeigen konnten. Auch Rauf- und Trunkenbolde bekamen es mit ihm zu tun und wir Kinder fürchteten seine Stimme, wenn wir zu laut oder an verbotenen Plätzen spielten. Instinktiv hatte ich ein ungutes Gefühl, obwohl mir nicht klar war, gegen welches Gesetz Pepe verstoßen hatte, Bruno würde sicher eins finden.

„Was machen sie hier?!“, dröhnte Brunos Stimme. Ich wollte mich davon machen aber Bruno hielt mich fest.

„Was ist das für Zeugs?“

Bruno deutete auf die Schneekugel.

„Gewerbeschein? Erlaubnis? Genehmigung?“

„Ich verkaufe nichts.“

„Was soll das dann? Ich hab sie beobachtet. Sie geben Waren an Passanten. Sie werden doch nichts verschenken.“

„Doch.“

„Passen sie auf, veräppeln sie mich nicht, das kann teuer werden.“

„Hören sie, ich habe dem Kind nur etwas geschenkt.“

Bruno sah mich an:

„Kennst du denn?“

Ich schüttelte den Kopf. „Und dann nimmst du Geschenke an, von einem Wildfremden?“

Aber er beschenkt doch alle, und malt Postkarten und lässt die Leute dann drauf schreiben, das ist doch nicht gefährlich, wollte ich eigentlich sagen. Ich schwieg aber angstvoll, zuckte mit den Achseln und dachte an die kommende Predigt daheim, die ähnlich aussehen würde. Bruno wird mich heim schleppen und Mutter und Vater alles erzählen und dann Pepe einsperren, da war ich mir sicher. Auch Pepes Miene ergraute ein wenig. Aber anstatt Bruno zu widersprechen, griff er in seinen Geschenkbeutel und hielt dem Polizisten ein blaues Präsent statt der geforderten Papiere entgegen.

„Was ist das?“

„Für sie, ein Geschenk.“

„Wollen sie mich bestechen?“

„Nein, nein, nur ein Geschenk, machen sie auf.“

Bruno blickte finster, nahm aber das Paket an. Ohne Pepe aus den Augen zu lassen, riss er am Papier. Inzwischen hatten sich Leute zu uns gesellt, wie meist bei Brunos Aktionen. Pepe zeichnete wieder. Dieses Mal konnte ich Brunos Kopf in den Strichen Pepes erkennen. Ein Zuschauer brüllte plötzlich:

„Der ist nicht ganz richtig, den müssen sie mitnehmen Bruno!“

Bruno reagierte nicht.

„Verschenken, wer tut denn heut noch was verschenken?!“, warf einer ein. „Gammler!“, „Gauner!“, „Kinderschänder!“ steigerten sich die Kommentare nach und nach. Jetzt drehte sich Bruno in die Menschenmenge und wieder zurück, ohne ein Wort dazu zu sagen. Inzwischen hatte er sein Präsent entblößt, drehte es langsam, sehr langsam, betrachtete es genau, als wolle er etwas Verbotenes daran finden. Plötzlich brüllte Bruno ins Geplapper der Leute:

„Ruhe!“

Die Gaffer hielten still.

„Bitte, schreiben sie mir ihre ersten Gedanken zu ihrem Geschenk auf meine Postkarte, ein Andenken für meine Sammlung“, bat Pepe höflich und reichte Bruno die Karte mit seinem Porträt. Ich hielt die Luft an, auch die Umstehenden konnte man meinen. Lange Sekunden stockte alles. Dann surrte eine respektlose Fliege in die Ruhe. Bruna nahm die Karte, legte der Schreiber an und schrieb, als fülle er ein Knöllchen aus. Schließlich gab der Schutzmann Pepe den Zettel zurück. Danach stapfte Bruno in die Menschenansammlung, schnappte den ersten Brüller am Arm und fragte ihn scharf:

„Haben sie auch ein Geschenk bekommen?“

„Ja, und dann hat er zu mir gesagt, es wär` umsonst, aber so was gibt’s doch nicht, den sollten sie gleich mitnehmen, am besten in die Irrenanstalt …“

„Haben sie sich bedankt?“, unterbrach ihn Bruno scharf.

„Was?“

„Dann tun sie das schleunigst, oder hat man ihnen das als Kind nicht beigebracht?“

Der Mann glotzte ungläubig, schüttelte dann den zornroten Kopf und trottete davon. Pepe besah die Postkarte, schmunzelte, bückte sich zu mir herunter und zeigte auf die Worte, die Bruno in fein gezeichneten Buchstaben drauf geschrieben hatte:

„Schau, der Wachtmeister hat die schönste Schrift heute.“

Ich las:

„Meine Frau liebt Kerzen sehr – Danke“.

„Wieso meckert er nicht mehr?“, flüsterte ich Pepe zu. Der wurde kurz ernst, legte einen Finger an die Stirn, als könne er einen besseren Gedanken eindrücken und gab mir dann, auch ganz leise, zurück:

„Vielleicht hat er grad Mittagspause.“

Ja, das leuchtete mir ein und passte auch zu Brunos Reaktion, der, nachdem er die Menschenmenge fortgescheucht hatte, es gäbe heute keine Leiche, auch spritze kein Blut, nichts Spektakuläres, gemütlich mit dem roten Kerzengeschenk Pepes über den Marktplatz davon schlenderte. Pepe puffte mich an der Schulter und fragte:

„Hilfst du mir die Leute auf ein Band zu fädeln?“

Ich überlegte nicht lang, das hörte sich spaßig an, ich zog die Bildchen mit Text auf eine dicke rote Schnur, bis eine sehr lange Schlange aus Postkarten fertig war. Was er damit gemacht hat, hab ich nie erfahren. Pepe verschwand wieder und ward nicht mehr gesehen. Nur das flockige Schneetreiben in der Schneekugel schaue ich mir noch heute gerne an.